Geil auf sexy



Als der heutige Übungsleiter des CF Barcelona, Frank Rijkaard, seine erste Anstellung als Trainer der niederländischen Nationalmannschaft annahm, versprach er den Fans in Holland bei seinem Antritt, in Zukunft "sexy Fußball" spielen zu lassen. Sein Intermezzo als Nationaltrainer blieb vergleichsweise kurz, die Ankündigung Rijkaards dabei mehr oder weniger unerfüllt, und wer sich heute die unterschiedlichen Spielweisen zwischen Barcelona und der holländischen Nationalmannschaft ansieht, der weiß vielleicht sogar warum. Jetzt, wo wir alle nur noch "schwarz, rot, geil" (Bild Zeitung) sind, wäre doch eigentlich der richtige Zeitpunkt, diese Geilheit mit der Vision vom sexy Fußball zu verbinden - nur, sind die Spitzenteams der Bundesliga in der neuen Saison dazu in der Lage?



Alle Jahre wieder sind sich die Bundesligatrainer wenigstens zu Beginn einer Saison darin einig, dass der FC Bayern das Rennen um die Schale machen wird. Nun ist spätestens seit dem Weltmeister Italien bekannt, dass erfolgreiches und attraktives Spiel nicht ein und dasselbe sein müssen. Und auch wenn die Vorbereitungsspiele und der Abgang von Michael Ballack nicht unbedingt darauf schließen lassen, ist der Rekordmeister auch zur nächsten Spielzeit der Topfavorit. Doch wird der Wechsel des Nationalmannschaftskapitäns zum FC Chelsea den Münchnern gerade in ihrem Streben nach schönerem Spiel vielleicht mehr weh tun, als dies manch FC-Funktionär wahr haben möchte. Die Einkaufspolitik der Münchner kann in diesem Zusammenhang nur als mutig bezeichnet werden: Anstelle eines gleichwertigen Ersatzes für das Mittelfeld wurden mit Daniel Van Buyten und Lukas Podolski Abwehr bzw. Sturm verstärkt. Ob Spieler aus der zweiten Reihe wie Dos Santos oder Ali Karimi in der Lage sein werden, eine ähnliche Präsenz im Mittelfeld wie Ballack zu entwickeln, bleibt abzuwarten - Zweifel sind aber angebracht. Es steht zu befürchten, dass der FC Bayern 2006 / 2007 noch ergebnisorientierter spielt als in der vergangenen Spielzeit - und somit ist die Aussicht auf attraktiven Fußball beim FCB leider als eher gering einzuschätzen.

 

Konkurrenzsituation im Kader angeheizt, gleichzeitig Stützen der Mannschaft gehalten - das hat Werder Bremen geschafft. Spektakuläre Neuzugänge wie Diego werden durch intelligente Verstärkung auf einzelnen Positionen wie Pierre Wome auf der Außenbahn ergänzt. Die Qualität in der Breite hat sich entscheidend verbessert und Abgänge wie Micoud oder Valdez können so gut aufgefangen werden. Nicht nur auf Grund deutscher WM-Stützen wie Frings oder Klose muss mit Werder in der Saison 2006 / 2007 gerechnet werden. Seit in Bremen Klaus Allofs und Günther Schaaf das Sagen haben, lässt sich die kontinuierliche Weiterentwicklung von Mannschaft und einzelnen Spielern beobachten. Ein Spieler wie Klose konnte sich nur hier zu dem Top-Stürmer entwickeln, der er derzeit ist. Es bleibt nur zu hoffen, dass Bremen mit seinem offensiven Fußball auch international endlich erfolgreicher spielt. Sollte die Mannschaft gut in die Saison starten, von verletzten Schlüsselspielern verschont bleiben, dann ist nach 2003 / 2004 durchaus die nächste Meisterschaft im Bereich des möglichen. Auf jeden Fall wird wie im letzten Jahr der Attraktivitätsfaktor der Bremer wahrscheinlich wieder der höchste der Liga sein.

 

Hinter Bayern und Bremen liegen der HSV, Schalke, Dortmund und Leverkusen auf der Lauer und besitzen am ehesten Potenzial zum attraktiven Spiel. Schwierig wird es für den HSV, die Abgänge gestandener Bundesliga-Profis durch talentierte, aber (international) unerfahrene Neuzugänge auszugleichen und die Saison kontinuierlich erfolgreich zu gestalten. Einzig van Buytens Nachfolger und teuerster Neuzugang der Club-Geschichte Vincent Kompany deutet bereits an, zu welch überragendem Einzelspieler er sich unter Doll entwickeln könnte. Der HSV besitzt durchaus das Leistungsvermögen, seinen Erfolg von 2005/2006 in diesem Jahr zu bestätigen und mit dieser jungen sowie erfolgshungrigen Mannschaft auch den Sexy-Faktor in der Liga zu erhöhen - nur ist der Erwartungsdruck in Hamburg groß und es wird für eine junge Mannschaft schwer, konstant Leistung auf hohem Niveau abzuliefern. Der HSV wird über weite Strecken attraktiven Fußball spielen, nur muss sich das Umfeld damit abfinden, einem perspektivischem Team zu vertrauen, das seine ganze spielerische Kraft vielleicht erst in ein, zwei Jahren entfalten kann.

 

Auch der Kader von Schalke 04 ist wieder vorzüglich besetzt - nur könnte der Revierclub sich auch in diesem Jahr wieder selbst im Weg stehen. Mit Lövenkrands, Altintop und Abel wurde der Kader gezielt verstärkt. Trotzdem scheint Trainer Slomka Schwierigkeiten zu haben, seine vielen Einzelkönner zu einem Kollektiv zu formen, das die gemeinsam zu erledigende Arbeit vor die Darstellung des eigenen Talents stellt. Mit Spielern wie Lincoln, Rafinha oder Kuranyi ist das Spektakel auf dem Rasen häufig nur einen Geistesblitz entfernt - sollte diesen Spielern aber die Lust hierzu abgehen, werden die Zuschauer wie schon letztes Jahr lange auf den Ballzauber warten müssen. Spannend dagegen wird es in Dortmund. Nach finanzieller Durststrecke trauten sich die Verantwortlichen nun wieder, in den Kader zu investieren. Frei und Valdez heißt der neue Sturm, der für Wirbel sorgen wird. Coach Bert van Marwijk arbeitet mit einem sichtbaren Konzept und schafft es immer wieder, von den vielen Dortmunder Talenten einzelne Spieler an die erste Mannschaft zu führen. Der große Wurf ist in dieser Saison wohl nicht zu erwarten, doch werden mindestens die Heimspiele des BVB in dieser Saison nicht nur atmosphärisch sondern sicherlich auch endlich wieder fußballerisch ein Spektakel werden.

 

Leverkusen dagegen ist eine Mannschaft, die sowohl zu einer großen Überraschung im positiven wie auch im negativen Sinn fähig ist. Mit Berbatov haben sie den stärksten Spieler der letzten zwei Jahre verloren, in Kießling talentierten Ersatz verpflichtet, der aber im Gegensatz zum Bulgaren noch lange nicht in jedem Spiel für ein Tor gut ist. Trainer Skibbe ist ein Taktiker, der eher der offensiven Spielweise vertraut, als zunächst die eigene Abwehr zu stärken. Viele junge Spieler gehören zum Stamm und Neuverpflichtung Barbarez könnte zum Erfolgsgarant werden - oder genau zum Gegenteil. Der Bosnier kann immerhin seinen Vertrag zur Winterpause auflösen, wenn es an seinem neuen Arbeitsplatz seiner Ansicht nach nicht funktioniert. Ebenso offen wie die Zukunft von Barbarez ist die des Vereins und dementsprechend auch die Aussicht auf attraktiven Fußball. Alles ist hier möglich. Aber bei allen Diskussionen um die einzelnen Teams ist die Hauptsache, dass nach dem WM-Spektakel der Fußball-Zuschauer allgemein nicht zum Verlierer wird. Denn es bleibt abzuwarten, ob nach vier Wochen internationalem Gourmet die Bundesliga-Alltagskost wieder schmecken mag. Vielleicht lassen sich die Bundesliga-Trainer aber auch anstecken und versuchen mutig die Rijkaardsche Vision vom sexy Fußball umsetzen - die Fans wären jedenfalls geil darauf.
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