Das Finale einer Welt- oder Europameisterschaft ist nicht allein der Höhepunkt des eigentlichen Turniers. Es ist auch bereits Fanal für die härteste Zeit im Leben des Fans: der Sommer danach. Kaum hatte man sich nach dem Ende der Vorrunde daran gewöhnt, nicht mehr jeden Tag mindestens ein Spiel sehen zu können, ist die komplette Turnier-Trunkenheit auch bald schon wieder ganz vorbei. Und wie es sich für einen richtigen Rausch gehört, ist der Kater danach unerträglich und dauert eine gefühlte Ewigkeit. Um die Zeit zwischen Abpfiff im Finale und Anpfiff in der Bundesliga halbwegs schadlos zu überstehen, gibt es eine Reihe von Ersatzbefriedigungen – von denen sich aber kaum eine als effektiv genug erweist, die Fußball-Sucht wirklich zu stillen.
Als völlig überschätzt bei der Linderung des Fußball-Entzugs erweisen sich sogenannten Freundschafts- und Vorbereitungsspiele, mit deren Übertragung gerade kleinere TV-Sender versuchen, einfältige Gewinnspiele und Anrufaktionen inhaltlich aufzupeppen. Dann doch lieber knietiefe Bundesliga-Schlammschlachten im Schneesturm Ende Januar mitverfolgen, als sich durch 90 Minuten Hertha BSC gegen FC Moskau zu quälen. Selbst wenn der Ball rot, der Ausgang im Matsch fußballerisch fraglich und im Schneetreiben nichts richtig zu erkennen ist – es geht wenigstens um etwas! Und nach einer solchen Winter-Partie kann sich der Fan seiner zweitliebsten Beschäftigung widmen: der ausgelassenen Diskussion zum Ausgang der Partie zusammen mit anderen Süchtigen. Über Vorbereitungsspiele redet hinterher niemand. Und auch wenn die Trainer jetzt versuchen, Veranstaltungen wie den Liga-Pokal als „ersten Härtetest“ sportlich aufzuwerten, so zwingt doch nicht das eigentliche Spiel den Fan vor den Fernseher. Allein der Entzug rechtfertigt die Übertragung von Partien, deren fußballerischer Wert nur daraus zu bestehen scheint, sich die Neuerwerbungen der einzelnen Mannschaften zum ersten Mal live anschauen zu können. Oder kann sich irgendjemand noch an den Sieger des Ligapokals vom letzten Jahr erinnern? Oder dem Jahr davor? Wahrscheinlich war es Bayern München, aber auch nur weil die immer motiviert sind, immer gewinnen müssen und sich im Süden der Republik scheinbar jeder Titel gut auf dem Briefkopf macht. Ganz Verzweifelte beginnen in einer solchen Situation bereits damit, über die eigenen Grenzen hinweg zu schauen und sich international unbedeutenden Ligen zu widmen. Weil Länder wie Österreich gerne mal Schwierigkeiten bei der Qualifikation zu großen Turnieren haben, beginnt deren Ligabetrieb häufig drei bis vier Wochen früher als in Spanien, England, Italien oder Deutschland. Aber Vorsicht, bei allen Suchterscheinungen sollte man genau darauf achten, welche Ersatzstoffe man dem Körper zumutet. Spätestens bei der Lektüre eines Artikels über den neuen Co-Trainer von Redbull Salzburg sollte die Notbremse gezogen werden und über neue Beschäftigungsformen jenseits des rollenden Balls nachgedacht werden. Aber auch andere Sportarten können kaum richtig Linderung bieten. Und wenn dann noch Jan Ulrich lieber beharrlich zu Doping-Vorwürfen schweigt, als die Tour de France aus dem Sattel zu erleben und Michael Schumacher einfach einsehen muss, dass auch er sich dem Gesetz des Älterwerdens nicht entziehen kann, dann muss ein solcher Sommer vielleicht doch in der Sonne, im Park oder im Freibad genossen werden. Obwohl es ein Spiel dann doch schafft, die Beteiligten in seinen Bann zu ziehen: Beim Tischfußball können die besten WM-Partien nachgestellt, neue Liga-Konstellationen schon einmal vorweg gegriffen und auch persönliche Rivalitäten ausgetragen werden. Der Wettkampf-Gedanke ist bei weitem ausgereifter als bei den Spielen, die derzeit in den Medien besprochen werden. Und selbst allen, die dann gerne angesichts der Sommerwärme fordern: „Rausgehen, selber spielen!“ kann man aus klimatisiertem Raum entgegnen: Machen wir doch – nur besser!
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Tom Schwarzer, MAGIX am Donnerstag, 27. Juli 2006 um 11:48.
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