
Jürgen Klinsmann war nicht der begnadetste Spieler, den Deutschland hervorgebracht hat. Ebenso wenig wird er als erfolgreichster Bundestrainer in die Fußballgeschichte des Landes eingehen. Lichtgestalten sehen eben anders aus, und ihnen wird beinahe alles verziehen. Klinsmann wurde während seiner kurzen Amtszeit nichts verziehen. Er wurde persönlicher angegriffen als jeder Trainer vor ihm und doch hat er wahrscheinlich mehr in zwei Jahren bewegt als die meisten seiner Vorgänger.
Wer bei der Weltmeisterschaft den Bundestrainer bei Toren der eigenen Mannschaft beobachtete, fühlte sich an den Spieler Jürgen Klinsmann erinnert: Unvergessen das WM-Achtelfinale 1990, in dem er die Holländer beinahe im Alleingang aus dem Turnier schoss und nach seinem vorentscheidenden Tor so enthemmt über den Rasen des Giuseppe-Meazza-Stadions in Mailand lief, als würde er im nächsten Moment die Bodenhaftung verlieren. Zu vergleichbaren Ausbrüche kam es auch beim Fußballfest dieses Sommers nach Toren von Klose, Lahm oder Podolski, die ein umher hüpfender Bundestrainer Klinsmann an der Außenlinie zelebrierte. So groß die Freude hier war, so tief die Trauer nach dem Aus gegen Italien kurz vor dem Ende der Nachspielzeit im Halbfinale: gelebte Fußball-Leidenschaft in höchster Emotion.
Dabei wird langfristig wahrscheinlich weniger der dritte Platz die Erinnerungen an diesen außergewöhnlichen Sommer bestimmen. Der Erfolg vom Projekt 2006 geht über eine solch schlichte Bilanz hinaus. Mit seiner Bereitschaft, sich selbst und seiner Mannschaft alles abzuverlangen und so durch harte Arbeit mangelndes spielerisches Talent zu kompensieren, hat Klinsmann der Weisheit neues Leben eingehaucht, in der die Qualität von Qual kommt. Und wer noch den geringsten Zweifel am persönlichen Einsatz Klinsmanns am Erfolg hegen sollte, der muss nur das Gesicht des Schwaben bei seiner Antritts- mit dem Gesicht bei seiner Abschieds-Pressekonferenz vergleichen: mit einem Volk von Bundestrainern, einem gnadenlosen Boulevard und zu wenig Unterstützung aus den Reihen des DFBs hat der Mann leiden müssen – eine fußballerische Leidenschaft, die Leiden schafft.
Nicht allein sein Wille zur nachhaltigen Reform, der zielgerichtete Fokus auf Erfolg oder die Radikalität in der Umsetzung der angestrebten Veränderungen haben letztendlich die Massen wirklich bewegen können. Reform ist in Deutschland ein Begriff, der derzeit wenig Grund zur Euphorie auslöst. Es war vielmehr diese Mischung aus einer schonungslosen Situationsanalyse des deutschen Fußballs, der auch nach dem WM-Erfolg weiterhin nicht zum besten der Welt zu zählen ist, gepaart mit der absoluten Bereitschaft für den gemeinsamen Traum sich bis zur Selbstaufgabe zu quälen, der dieses deutsche Fußballwunder im Sommer 2006 entstehen ließ. Denn wo Lichtgestalten wie Beckenbauer vielleicht resistenter gegenüber Kritik sind, da fällt die Identifikation mit ihnen ungleich schwerer. Der Spieler wie der Trainer Klinsmann musste sich alle seine Erfolge hart erarbeiten und ist dementsprechend den meisten näher als die Fußballer, denen ihr Talent in die Wiege gelegt worden ist.
Und wo der Erfolg von 1990 immer mit der fußballerischen Genialität eines Franz Beckenbauers verbunden sein wird, bleibt von dieser WM immer das Gemeinschaftsgefühl zwischen dem deutschen Team und den Fans in Erinnerung. Hoffentlich vergessen wir Fans nach den ersten Niederlagen der deutschen Mannschaft, die leider im Fußball unvermeidlich sind, und dem reflexartigen Kreuzfeuer des Boulevards nicht, worum es in unserem Spiel während dieses Sommers ging: Weg von Sicherheit hin zum Risiko, weg vom Lamentieren hin zum Mut, weg von Langeweile hin zum Spaß. Das ist der Fußball, den wir nicht nur in Deutschland sehen wollen, und für den sich Klinsmann mit seiner ganzen Persönlichkeit und gegen alle Widerstände eingesetzt hat. Wir alle sollten diesen Weg auch ohne ihn fortsetzen, selbst wenn es vielleicht für uns Fans die Rückkehr zu Qualen und Leid beim Betrachten der nächsten Spiele der Nationalmannschaft im Stadion oder vorm Fernseher bedeuten sollte. Fernab schnell verbleichender Erfolge hat Klinsmann uns letztlich allen gezeigt, welch schöner Fußball mit harter und konsequenter Arbeit möglich ist und allein dafür lohnt es auch als Zuschauer, zu leiden und sich zu quälen.
Dieser Eintrag wurde geschrieben von
Tom Schwarzer, MAGIX am Freitag, 14. Juli 2006 um 13:55.
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